Weiße Geheimnisse
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40 Seiten Leseprobe (Pdf)
Auszug aus dem Kapitel AnatomieKaum war er aus dem Schatten des Tores herausgetreten, bot sich ihm ein überwältigender Anblick. Vor ihm glitzerte die Wasserfläche der Unterwarnow, die in nordwestlicher Richtung träge dem Meer zustrebte. Der Wind hatte Schaumkronen auf die winzigen Wellen des Flusses gezaubert, die sich glucksend an Rümpfen unzähliger Schiffe und Boote brachen. Möwen schaukelten in der steifen Brise und erspähten von ihren luftigen Aussichtspunkten den einen oder anderen Leckerbissen, die von Crewmitgliedern achtlos über Bord geworfen wurden. Die Vögel stießen dann unter aufgeregtem Gezanke zielsicher ins Wasser, gerade rechtzeitig genug, um den begehrten Brocken vor dem Versinken zu bewahren.
Alle zum Hafen führenden Straßen zwängten sich durch enge Torhäuser, die, bis auf das gerade durchquerte, allesamt den Eindruck erweckten, schon bessere Zeiten gesehen zu haben.
Stabile, hölzerne Brücken, die weit in den breiten Strom der Warnow hineinragten, ermöglichten einem nahtlosen Übergang zwischen Wasser und Stadt. Diese Landungsbrücken boten Liege- und Ankerplätze für sorgsam vertäute Schiffe und Boote. Einige Brücken waren außerdem mit mächtigen Dalben gesichert, so dass dort auch größere Schiffe festmachen konnten, die über seitlich angelegte Gangways erreichbar waren. Franz fiel ein unförmig wirkender hölzerner Ladekran ins Auge, der scheinbar mit Leichtigkeit große Ballen aus einem Schiffsrumpf an Land hievte.
Ein Durcheinander von Masten, Rahen, gerefften Segeltuchs und Takelage hätte jeden unbedarften Betrachter verwirrt, so auch Franz.
Ein stetiger Strom von Schauerleuten trabte be- oder entladend zwischen Schiffen und bereitstehenden Fuhrwerken hin und her. Von einer weniger frequentierten Brücke aus hatte Franz als müßiger Zuschauer Gelegenheit, die dort liegenden Schiffe aus der Nähe zu begutachten. Der Wind verteilte unterdessen charakteristische Gerüche von Holzfeuern und Pech mehrerer Strandwerften, wo emsig Schiffsrümpfe gesäubert, ausgebessert und wieder kalfatert wurden.
Franz schlenderte die Brücke entlang, doch er bekam selten Schifferleute zu sehen. Vielleicht verbrachten diejenigen, die zur Wache eingeteilt worden waren, ihre Arbeitszeit unter Deck. Den Großteil der Besatzungen vermutete er ohnehin in der Stadt. Im Hafenviertel gab es eine Unzahl von Schenken, deshalb nahm er an, dass die Fahrensleute genau dort nur zu gern ihr Garn verspannen.
Plötzlich überkam ihn die Vorstellung, dass Johann an ebendieser Stelle gestanden haben mochte und von Fernweh oder sonstigen fragwürdigen Umständen getrieben, eine Passage nach Hamburg oder Amsterdam gebucht haben könnte, um sich von dort aus nach Amerika oder einem anderen fernen Kontinent einzuschiffen.
Elektrisiert von dieser Idee, strebte er mit der Absicht der Stadt zu, den Nächstbesten, der ihm über den Weg laufen sollte, auszufragen.
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